Open Access To Gender Research

Projekte zu Open Access in der Geschlechterforschung

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Poster zu „Geschlechterforschung und Open Access“ auf der Veranstaltung „Open-Access-Strategie für Berlin“

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Auf der von der Freien Universität, Humboldt-Universität und der Technischen Universität Berlin zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft organisierten Veranstaltung „Open-Access-Strategie für Berlin“ wurden im Rahmen einer Poster-Ausstellung auch die Projekte und Aktivitäten auf dem Feld der Geschlechterforschung vorgestellt. Die Veranstaltung hatte das Ziel, die Diskussion über Open Access, die gerade auf der Ebene der Bundesländer geführt wird, auch in Berlin voranzutreiben. Bei der Poster-Ausstellung hatten viele Berliner Projekte die Gelegenheit, sich bekannt zu machen und miteinander und dem interessierten Publikum ins Gespräch zu kommen.

Wir waren dabei:

Poster: Geschlechterforschung und Open Access

Näheres zur Veranstaltung: http://www.fu-berlin.de/sites/open_access/Veranstaltungen/oa_berlin/

Poster-Ausstellung: http://www.fu-berlin.de/sites/open_access/Veranstaltungen/oa_berlin/poster/index.html

Written by Anita Runge

December 16th, 2014 at 8:56 pm

Die Modernisierung wissenschaftlichen Publizierens in der Geschlechterforschung durch Open Access

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Der folgende Text von Marco Tullney ist erstmals erschienen im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin. Vgl. dazu Vorstellung des DFG-Projekts und anderer Aktivitäten im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief (FU Berlin). Der gesamte Rundbrief kann als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Die Orientierung am Open-Access-Paradigma und das Veröffentlichen von kostenfrei zugänglichen und mit weitreichenden Nutzungsrechten versehenen Publikationen sind für die Geschlechterforschung innovativ und bieten spannende Möglichkeiten für die Entwicklung des Forschungsfeldes. Angesichts von Rezeptionsvorbehalten gegen die Geschlechterforschung versprechen die erhöhte Sichtbarkeit und Zugänglichkeit große Chancen. Welche Wege die Geschlechterforschung gehen kann und auf welche technischen, organisatorischen und rechtlichen Bausteine dabei gesetzt werden kann, soll in einem gerade begonnenen DFG-Projekt an der Freien Universität Berlin herausgearbeitet werden. Dabei soll auch ein Beitrag dazu geleistet werden, die Faszination an den neuartigen Formen und Möglichkeiten des Publizierens zu vermitteln und eine Rückwirkung auch auf Inhalte und Arbeitsformen der Geschlechterforschung explizit anzustreben.

Wandel im Publikationsbetrieb

Der wissenschaftliche Publikationsbetrieb ist seit einiger Zeit größeren Wandlungsprozessen und einem steigenden Modernisierungsdruck unterworfen. Neue technische Lösungen ermöglichen andere Formen der Planung, Erstellung und Veröffentlichung von Publikationen. Befördert werden diese Entwicklungen durch die so genannte Zeitschriftenkrise, in deren Folge die Kosten für das Abonnement von Fachzeitschriften stark gestiegen sind, was die Etats von Bibliotheken höher belastet, mit der Folge, dass diese immer mehr Abonnements kündigen müssen. Auch die zentrale Mitwirkung von Wissenschaftler/innen an wissenschaftlichen Zeitschriften und anderen Publikationen verändert sich: Elektronische Erstellungsweisen erleichtern beispielsweise die Kooperation von Wissenschaftler/innen an verschiedenen Orten, Veränderungen der Kostenstruktur bei neuartigen Publikationsweisen begünstigen das Zustandekommen zeitgemäßer Publikationsorte, die nicht notwendig auf Verlage angewiesen sind, sondern von Forschungseinrichtungen, Bibliotheken oder gänzlich in Eigenregie betrieben werden können. Dass bereits jetzt zahlreiche Dienstleistungen im Publikationsbetrieb unbezahlt durch Wissenschaftler/innen übernommen werden (von der Herausgabe über Begutachtungen bis hin zu Lektorat und Korrektorat, teilweise sogar zum Layout) – selbst dort, wo Verlage involviert sind – ist bereits ein Grundstein für ein stärker auf die Bedürfnisse der beteiligten Wissenschaftler/innen ausgerichtetes Publikationssystem.

Die Zeitschriftenkrise korrespondiert mit der Frage, warum wissenschaftliche Publikationen, deren Erstellung in aller Regel schon aus öffentlichen Mitteln bezahlt worden ist, anschließend ebenfalls aus öffentlichen Mitteln wieder angeschafft werden müssen – ganz zu schweigen von den sonstigen Rezeptionshindernissen, die Kosten und Beschränkungen der Nutzungsrechte darstellen. Unter dem Schlagwort Open Access wird deshalb seit einiger Zeit der – finanziell und rechtlich – freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur gefordert und häufig die einerseits die Rechte der Urheber/innen schützen, andererseits aber die Nutzung, Bearbeitung und Verbreitung der Werke pauschal gestatten, operieren bisher vor allem Open-Access-Zeitschriften, aber es werden in diesem Kontext auch gemeinfreie Werke (z.B. ältere Bücher, Kunstwerke) bereitgestellt. Weniger Verbreitung findet Open Access bisher bei Buchneuerscheinungen, jedoch gibt es hier einen starken Trend, die Entwicklung nachzuholen. Schließlich wirft die Modernisierung auch die Rollenverteilung im Publikationsbetrieb durcheinander: Die Herausgabe unter eigener Verantwortung wird wieder attraktiver, neue Publikationsdienstleister treten auf, und Verlage müssen ihr Dienstleistungsangebot schärfen und Kosten, die sie auf die Autor/innen abwälzen, stärker rechtfertigen als zuvor. Wenn auch oft noch langsam, bauen Hochschulen ihre entsprechenden Infrastrukturen (Publikationsserver für Zeitschriften und einzelne Bücher, Artikel etc.) und Beratungsangebote dennoch nach und nach aus.

Die Veränderungen im Publikationsbetrieb korrespondieren mit Veränderungen in der Wissenschaftslandschaft insgesamt: Einerseits wird vermehrt kooperativ, interdisziplinär und international gearbeitet (und dies wird auch erwartet), was Schwierigkeiten etwa der Verständigung auf Qualitätsstandards und Arbeitsweisen mit sich bringt. Andererseits führt der gestiegene Konkurrenzdruck zwischen Hochschulstandorten, aber auch zwischen einzelnen Wissenschaftler/innen, in Verbindung mit einem gestiegenen Spardruck und Kostenbewusstsein dazu, dass Forscher/innen und ihre Einrichtungen einem permanenten Rechtfertigungszwang und einem Zwang zur Sichtbarmachung der eigenen Aktivitäten und Resultate unterliegen. (Zumindest geht die Entwicklung in diese Richtung.)

Chancen für die Geschlechterforschung

Für die Geschlechterforschung birgt diese Entwicklung Chancen und Risiken. Bislang sind ihre Erkenntnisse nicht selbstverständlicher Teil des wissenschaftlichen Mainstreams, und das Forschungsfeld als Ganzes unterliegt starken Vorbehalten bezüglich seiner Wissenschaftlichkeit. Nach wie vor ist umstritten, ob es sich um eine Disziplin mit eigenen Theorien und Methoden handelt oder aber um ein inter- oder transdisziplinäres Forschungsfeld; dies erweckt den Eindruck einer gewissen Unübersichtlichkeit. Sichtbarkeit und Reputation zu steigern sowie Qualität zu belegen, sollten also nach wie vor wesentliche Ziele für die Geschlechterforschung sein, insbesondere, wenn über die bisher geschaffenen Nischen und Institutionalisierungsversuche hinausgegangen werden soll (vgl. hierzu auch den Beitrag von Anita Runge in diesem Heft).

Es gibt in der deutschsprachigen Geschlechterforschung so gut wie keine Open-Access-Publikationen.1 Auch in den Disziplinen, aus denen ein Großteil der Geschlechterforscher/innen stammt, den Geistes- und Sozialwissenschaften, spielt Open Access bisher keine herausragende Rolle – ebenso übrigens wie standardisierte Verfahren der Qualitätssicherung oder -messung. Dies hängt zu einem großen Teil mit der bereits angesprochenen geringen Ausbreitung von Open Access im Buchbereich zusammen, da Bücher und Buchreihen nach wie vor die wesentlichen Publikationsformen in diesen Wissenschaften sind. Aber sicherlich spielt auch eine Rolle, dass die Risikobereitschaft, auf neue Publikationsweisen (elektronisch, Open Access, Selbstverlag bzw. neuer Verlag) zu setzen, in einem um Anerkennung kämpfenden Feld vielleicht geringer ist als in Bereichen, in denen bereits erworbene Anerkennung, unstitutionelles und persönliches Gewicht in neugegründete, innovative Publikationen übernommen werden können. Für eine positive Open-Access-Orientierung in der Geschlechterforschung wird es auch wichtig sein, Entscheidungen zwischen eigenen, eventuell redundanten Lösungen und der Anpassung an bereits existierende Ansätze zu treffen. Die bisher existierenden Angebote haben einen starken Bias in Richtung Naturwissenschaften, und sie konzentrieren sich auf Zeitschriften. Für die Geisteswissenschaften gibt es, insbesondere in Bezug auf Open Access bei Büchern, erste Ansätze. Große Wissenschaftsverlage sind inzwischen auf den Open-Access-Zug aufgesprungen, bringen aber eigene Profiterwartungen und damit zusätzliche Kostenfaktoren ein. In diesem Feld eine an den Bedürfnissen der Wissenschaftslandschaft und der Geschlechterforschung orientierte Entwicklung innovativ mitzugestalten, statt sich einige Jahre später dann festen Sachzwängen unterwerfen zu müssen, ist ein wesentliches Motiv des Projektes wie auch anderer Open-Access-Aktivitäten in seinem Umfeld.

Schließlich werden auch Arbeitsformen und Inhalte der Geschlechterforschung von einer Entwicklung hin zu mehr freien, mehr elektronischen Publikationen beeinflusst werden – neue Formen der Zusammenarbeit, des Schreibens und der Darstellung von Inhalten sind unmittelbar abzusehen, wenn etwa ganz neue Materialzugänge möglich werden oder neue Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig in den Blick genommen werden können.

Das DFG-Projekt

Im Anfang Mai 2011 begonnenen DFG-Projekt Geschlechterforschung und Open Access soll die Ausbreitung des Open-Access-Paradigmas in der Geschlechterforschung befördert werden, und es sollen spannende, innovative Lösungen für dieses Forschungsfeld vorgeschlagen werden. Dazu soll ein Konzept entwickelt werden, wie Open Access und dokumentierte Qualitätssicherung für die Geschlechterforschung nutzbar gemacht werden können und welche Schritte hierfür gangbar sind. Es wird davon ausgegangen, dass die einfache Zugänglichkeit und erhöhte Sichtbarkeit, die Open-Access-Publikationen bieten, eine große Chance für die Geschlechterforschung darstellen, auch außerhalb einzelner Teilbereiche und Nischen wahrgenommen zu werden und den Dialog mit jeweils angrenzenden Disziplinen zu fördern.

Da sowohl die Geschlechterforschung als Forschungsfeld als auch die freie Veröffentlichung als Publikationsweise starken Vorbehalten ausgesetzt sind, kann eine solche vielversprechende Umorientierung nur funktionieren, wenn es gelingt, Qualitätsstandards mit einzubeziehen. Hierbei sind verschiedene Modelle denkbar, die sich aber alle an der Erwartung großer Teile der Wissenschaftslandschaft orientieren müssen, dass Qualität unabhängig geprüft werden soll – in traditionellen oder modernisierten Fassungen des Peer Review.

Die Ergebnisse des Projektes sollen so transparent wie möglich bereitgestellt werden. Damit verbunden sind auch der Anspruch und die Erwartung, Ergebnisse vorzulegen, die für andere inter- bzw. transdisziplinäre Bereiche übertragbar oder anpassbar sein können. Es ist für die hier zu behandelnden Fragen auch weitgehend unwichtig, ob man von Geschlechterforschung als einem interdisziplinären Feld oder einer eigenen Disziplin ausgehen möchte – die starken interdisziplinären Effekte sind in jedem Fall vorhanden.

Durch die Förderung dieses Projekts unterstützt die DFG die Bearbeitung einer Fragestellung, die sowohl für die Forschungs- und Wissenschaftspraxis in der Geschlechterforschung als auch für die Wissenschaftsinfrastruktur wichtig ist. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass die DFG ihr Bekenntnis zu Open Access ernst nimmt und dass das Anliegen der Projektgruppe, Open Access auch in bezüglich ihres Publikationsverhaltens eher traditionellen Bereichen zum Durchbruch zu verhelfen, unterstützt wird. An der Freien Universität Berlin reiht sich dieses Projekt ein in verschiedene kleinere und größere Open-Access-Projekte, die hier bereits stattfinden – häufig ebenfalls mit Drittmittelunterstützung.

Die Projektverantwortlichen freuen sich über aktuelles und zukünftiges Interesse von Kolleg/innen in- und außerhalb der Freien Universität. Im Projekt sollen entsprechende Kontakte weiter genutzt und ausgebaut werden, um Fachkolleg/innen und weitere Expert/innen mit einzubeziehen.

Der Erfolg guter Konzepte hängt wesentlich davon ab, dass entsprechende Entwicklungen auf den Problemanalysen und Zielvorstellungen der Kolleg/innen im Forschungsfeld fußen und die entscheidenden Akteurinnen und Akteure mitwirken können. Nicht zuletzt dient deshalb das Projekt ‚Geschlechterforschung und Open Access‘ auch der Anregung zum intensiven Dialog über das wissenschaftliche Publizieren in der Geschlechterforschung.


Fußnoten

1 Vgl. hierzu Anita Runge/Marco Tullney: Artikel ‚Geschlechterforschung‘, Informationsplattform open-access.net. Zu den Ausnahmen gehören die Rezensionszeitschrift querelles-net und das Jahrbuch Querelles, vgl. den Artikel von Anita Runge in diesem Heft.