Open Access To Gender Research

Projekte zu Open Access in der Geschlechterforschung

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Workshopbericht: Zukünftige Anforderungen an wissenschaftliches Publizieren

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Am 17.6.2011 fand der erste Workshop des DFG-Projekts „Geschlechterforschung und Open Access” statt. Zu intensiven Arbeitsgesprächen zum Thema „Zukünftige Anforderungen an wissenschaftliches Publizieren“ kamen Geschlechterforscherinnen, Mitglieder interdisziplinärer Forschungszusammenhänge, Vertreter von Nachwuchsförderinstitutionen (insb. aus dem Exzellenzbereich der Freien Universität), Expert/innen aus universitären Serviceeinrichtungen für digitale Systeme und elektronisches Publizieren sowie Verantwortliche der Universitätsbibliotheken zusammen.

Die Eingeladenen waren gebeten worden, aus der Sicht ihres jeweiligen Arbeitsbereichs Erwartungen an innovative Publikationmodelle für inter- und transdisziplinäre Forschungszusammenhänge – unter bes. Berücksichtigung der Geschlechterforschung – zu formulieren und dabei auch Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Partizipation an den aktuellen Entwicklungen im Bereich der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu reflektieren. Dabei standen folgende Fragen im Mittelpunkt:

  • Wie sollten zukünftig wissenschaftliche Qualität und Professionalität des Publikationsmanagements interagieren?
  • Wie wichtig ist ein innovatives Publikationsmodell für fächerübergreifende Wissenschaftsbereiche und die in ihnen tätigen Personen?
  • Welche Anforderungen müssen an Publikationsdienstleister gestellt werden?
  • Können die Angebote oder die neu zu findenden Lösungen Modellcharakter haben, oder bleiben sie Nischenlösungen?

Diese Fragen wurde in zwei Schritten behandelt:

Zunächst ging es allgemein um aktuelle Anforderungen an wissenschaftliches Publizieren in fächerübergreifenden Forschungszusammenhängen. Dabei standen zwei Aspekte im Mittelpunkt: die Bedeutung technisch-organisatorischer und rechtlicher Qualitätskriterien für die Attraktivität von neuen (elektronischen) Publikationsangeboten sowie die besonderen Anforderungen kleinerer inter-/transdisziplinärer wissenschaftlicher Bereiche an neue Veröffentlichungsmodelle.

Danach wurde konkreter über spezielle Anforderungen an (Open-Access-)Publikationsdienstleister aus der Sicht fächerübergreifender, inter- bzw. transdisziplinärer Forschungszusammenhänge diskutiert. Im Mittelpunkt standen dabei Aspekte und Leistungsmerkmale eines Anforderungskatalogs an wissenschaftliche Publikationsdienstleister, insbesondere im Hinblick auf die Frage, welche (verlegerischen) Dienstleistungen zukünftig von den Forschenden bzw. den wissenschaftlichen Institutionen selbst erbracht werden können/sollen, wie entsprechende Geschäftsmodelle aussehen könnten und wie die Qualität und Professionalität von (selbstorganisierten) Publikationsangeboten gesichert und – vor allem – überzeugend vermittelt werden können.

Alle Teilnehmer/innen des Workshops halten eine Erweiterung der Qualitätskriterien wissenschaftlichen Publizierens um Aspekte der Prozess- und Systemqualität des Veröffentlichungsvorgangs für sinnvoll und schätzen ein entsprechendes qualitätsgesichertes Open-Access-Angebot auch für die Geschlechterforschung als zukunftsweisend ein. Gleichwohl gelte es, gerade in diesem Bereich die nach wie vor bestehenden Vorbehalte zu berücksichtigen und ihnen durch geeignete Maßnahmen zu begegnen. Dabei komme der Unterstützung durch Förderinstitutionen (insb. DFG) und die Hochschulen selbst zentrale Bedeutung zu: Open-Access-Publizieren müsse bei der Leistungsbewertung zukünftig besonders berücksichtigt werden.

Es wurde darüber hinaus vorgeschlagen, bei der Entwicklung entsprechender Angebote folgende Aspekte besonders zu berücksichtigen:

  1. Das Angebot muss den Anforderungen und Standards der jeweiligen wissenschaftlichen Community entsprechen und dazu beitragen, diese Community zu stärken. Da es sich bei der Geschlechterforschung um ein diffuses Feld handelt, in dem sich die Anforderungen verschiedener Fächer mit den eigenen Anforderungen des Feldes auf vielfältige Weise verknüpfen, sind Lösungen zu entwickeln, mit denen flexibel auf diese Situation reagiert und die wissenschaftliche Kommunikation im Feld gestärkt werden kann.
  2. Dabei sind sowohl die Gepflogenheiten der beteiligten Fächer als auch die Unterschiede bei den jeweils bevorzugten Publikationsformen zu berücksichtigen. Die Entwicklung community-spezifischer Lösungen sollte organisatorisch, technisch und rechtlich jedoch nicht zu ‚Sonderentwicklungen‘ führen, sondern Anschluss an die in größeren Feldern entwickelten Standards finden.
  3. Zentrale Anforderungen – über die unterschiedlichen Genres und Publikationsgepflogenheiten hinweg – an das Renommee des Publikationsortes sind Sichtbarkeit, Auffindbarkeit, Stabilität und Vertrauenswürdigkeit: Das Angebot muss nicht nur in inhaltlicher, formaler, technischer und rechtlicher Hinsicht qualitätsgesichert sein, sondern muss dies auch glaubwürdig vermitteln können.
  4. Dazu ist es notwendig, alle mit der Publikation verbundenen Vorgänge und Entscheidungen (von der Begutachtung bis zur Lizensierung) transparent und nachvollziehbar zu dokumentieren und der öffentlichen Diskussion auszusetzen. Insbesondere die Entscheidung für oder gegen bestimmte Formen von Begutachtung, die Auseinandersetzungen über Qualitätssicherung und -standards sollte Gegenstand von Debatten im Feld werden.
  5. Mit einem neuen Open-Access-Publikationsangebot muss überdies die Schaffung einer ‚Marke‘ angestrebt werden; ein spezifisches Branding sowie Signale von Vertrauenswürdigkeit (Qualitätssigel, Universitätslogos o.ä.) sind notwendig, um die Professionalität des Publikationsortes auszuweisen. Dabei ist es wichtig zu zeigen, dass ‚traditionelle‘ Qualitätskriterien durch Open Access nicht suspendiert, sondern transformiert und durch weitere ergänzt werden.
  6. Die durch spezielle Services und wissenschaftsnahe zusätzliche Dienstleistungen erzielten Mehrwerte sind deutlich zu machen, ebenso die besondere Professionalität der beteiligten Personen (Herausgeber/innen, Redakteur/innen, Lektor/innen etc.). Für die Forschenden, die auch jetzt schon im Publikationsprozess viele der traditionellen Verlagsleistungen übernehmen, muss im Einzelfall vermittelt werden, worin diese Mehrwerte liegen. Dazu könnten gehören:
    • Wegfall der im Printbereich existierenden Umfangs-Einschränkungen,
    • Möglichkeit der Einbindung anderer Medien,
    • freie Nutzung,
    • bessere Auffindbarkeit und Rezipierbarkeit,
    • Nachweisbarkeit der Zahl der Besuche,
    • Verknüpfungsmöglichkeiten mit anderen Publikationen.
  7. Im Idealfall korrespondiert die wissenschaftliche, formale, technische und rechtliche Qualität der Publikationsumgebung mit einem avancierten und transparenten Geschäftsmodell, das die Finanzierung über die übliche Drittmittel-Anschubfinanzierung hinaus sicherstellt.
  8. Hinsichtlich der Finanzierungsmodelle muss die Spezifik des Feldes berücksichtigt werden. Publikationsfonds – wie z.B. der jetzt von der DFG aufgelegte – stellen für die Geschlechterforscher/innen, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und nicht an einer Institution angestellt sind, ein Problem dar.

Wie immer freuen wir uns über Kommentare, Hinweise, Kritik zu unseren Überlegungen.

Written by Anita Runge

July 29th, 2011 at 10:11 am

Sichtbarkeit als Herausforderung. Publikationsförderung in der Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin – ein Modell im Wandel

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Der folgende Text von Anita Runge ist erstmals erschienen im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin. Vgl. dazu Vorstellung des DFG-Projekts und anderer Aktivitäten im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief (FU Berlin). Der gesamte Rundbrief kann als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Wissenschaftliche Anerkennung ist das Ergebnis eines Kommunikationsprozesses. Erst wenn eine wissenschaftliche Leistung in erkennbarer Weise rezipiert wird und dokumentierbare Resonanz erfährt, entstehen Renommee und Reputation. Zu den frühen Erkenntnissen einer feministischen Wissenschafts- und Institutionenkritik gehörte die Einsicht, dass dieser Prozess weder ‚naturwüchsig‘ abläuft noch gerecht ist: Die Vorstellung, dass Qualität sich schon durchsetze, wurde als Ideologem eines akademischen Betriebes identifiziert, der seine eigenen Exklusionsmechanismen verschleiert. Der Nachweis der Benachteiligung von Frauen, aber auch des Bereichs der Frauen- und Geschlechterforschung insgesamt bei der Vergabe von akademischen Stellen, bei der Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses, beim wissenschaftlichen Austausch im Rahmen von Tagungen, nicht zuletzt auch bei den Publikationsmöglichkeiten, führte zur Einrichtung von Förderprogrammen und einer aus heutiger Perspektive als Erfolgsgeschichte zu bezeichnenden Verbesserung der Partizipationschancen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb und einer Anerkennung der Geschlechterforschung als eigenständiges Forschungsfeld.

Neben Drittmitteln, Auszeichnungen, Preisen gehört das Veröffentlichen in angesehenen Zeitschriften bzw. Buchreihen zu den wichtigsten Voraussetzungen wissenschaftlicher Reputation. Die Selektionsmechanismen im Publikationsbetrieb begünstigen den wissenschaftlichen Mainstream. Für ein neu zu etablierendes Forschungsfeld wie die Geschlechterforschung, aber auch im Hinblick auf die Aufhebung der Benachteiligung von Nachwuchswissenschaftlerinnen wurde es daher bereits Mitte der 1980er Jahre als notwendig erachtet, Fördermaßnahmen für wissenschaftliches Veröffentlichen umzusetzen. Die Freie Universität Berlin hat 1985 als erste Universität im deutschsprachigen Raum ein entsprechendes Programm eingerichtet und ist bis heute die einzige Universität, die dieses Konzept konsequent verfolgt und weiterentwickelt. Eine erste Idee, die Unterstützung des Drucks von Dissertationen aus der Frauen- und Geschlechterforschung durch Zuschüsse, wurde 1985 durch die Gründung der Reihe Ergebnisse der Frauenforschung an der Freien Universität Berlin umgesetzt.1

Die Entwicklung des Programms von dieser Gründung bis zur Ende 2010 erfolgten Bewilligung eines DFG-Projekts zum Thema „Geschlechterforschung und Open Access. Ein Publikationsmodell für ein inter-/transdisziplinäres Feld“ (vgl. dazu auch den Beitrag von Marco Tullney) spiegelt die Transformationen wider, von denen das Feld der Geschlechterforschung, die Konzepte zur Gleichstellung in akademischen Institutionen, aber auch die wissenschaftliche Publikationspraxis insgesamt gekennzeichnet sind.

Zugespitzt lässt sich dieser Wandel als Weg von der Förderung ‚minoritärer‘ Wissenschaft und ihrer Vertreter/innen hin zum selbstbewussten, innovativen Umgang mit den Chancen und Risiken von wissenschaftlicher Marginalität beschreiben.

1985 ging es zunächst darum, überhaupt zu ermöglichen, dass die im Rahmen von Qualifikationsverfahren und wissenschaftlichen Projekten entstandenen Frauen- und Geschlechterforschungsergebnisse in traditionellen Verlagen veröffentlicht werden konnten. Es galt, den Vorurteilen gegenüber der wissenschaftlichen Relevanz entsprechender Studien durch die Etablierung einer streng begutachteten Reihe in einem angesehenen Verlag zu begegnen. Gleichzeitig sollten durch die Vergabe von Druckkostenzuschüssen Wissenschaftlerinnen auch finanziell gefördert werden, die sich in der Regel eben seltener auf gesicherten Stellen, sondern zumeist unter prekären Arbeitsbedingungen qualifizieren mussten. Der Erfolg der Reihe (1985 – 2007: 69 Bände) lässt sich daran ablesen, dass sie in gewisser Weise überflüssig geworden ist: Nahezu alle renommierten Verlage in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben inzwischen Frauen- und Geschlechterforschung/Gender Studies zum Bestandteil ihrer Programmplanung gemacht; einige spezialisieren sich mit Buchreihen oder Zeitschriftenprojekten nachhaltig in diesem Bereich. Publikationsorte und -angebote sind ebenso ausdifferenziert und vielfältig wie das Feld selbst, so dass die Zusammenfassung der Ergebnisse in einer Reihe ebenso obsolet ist wie die Unterstützung des traditionellen Dissertationsdrucks aus öffentlichen Mitteln.

Noch Mitte der 1990er Jahre wurde es als wichtig angesehen, dass auch für die Frauen- und Geschlechterforschung diejenigen Formen wissenschaftlichen Publizierens zur Verfügung stehen, in denen üblicherweise die wissenschaftliche Kommunikation in etablierten (Sub-)Disziplinen stattfindet. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Nutzung konventioneller Formate und Publikationsmodelle zur Aufhebung der nach wie vor bestehenden Rezeptionssperren gegenüber der Geschlechterforschung beitragen könnte. Die Reihe Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität wurde entsprechend 1996 um ein interdisziplinäres Jahrbuch (Querelles)2 und 2000 um eine Rezensionszeitschrift zur Frauen- und Geschlechterforschung (querelles-net) erweitert.3

Mit der Rezensionszeitschrift querelles-net, die von Anfang an ausschließlich elektronisch publiziert wurde und seit einem Relaunch 2009 als Open-Access-Zeitschrift erscheint, wurde die Leitidee der Publikationsförderung an der Freien Universität Berlin erneut modifiziert: Anstelle des Versuchs der Anpassung an die in den Geistes- und Sozialwissenschaften gängigen Formate und Publikationsmodelle ist die Arbeit an eigenständigen, innovativen Veröffentlichungsformen für die Geschlechterforschung getreten. Das Ziel ist, die Publikationspraxis in der Geschlechterforschung nicht nachholend an die momentan rasante Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens anzupassen, sondern diese Entwicklung mitzugestalten. Dabei sollen die speziellen Anforderungen eines Feldes berücksichtigt werden, das durch unterschiedliche Fächerkulturen, inter-bzw. transdisziplinäre Strukturen und gleichzeitig immer noch durch eine spezielle Randständigkeit gekennzeichnet ist. In den neuen Modellen soll insbesondere das kritische Potential dieser Marginalität fruchtbar gemacht werden, das es ermöglicht, Mainstram-Entwicklungen auf ihre Konsequenzen hin zu überprüfen und experimentell Alternativen zu erproben. Die auf dieser Grundlage im Rahmen eines DFG-Projekts entwickelten Publikationsmodelle stellen keine „Insellösungen“ dar, sondern können auf andere ähnlich strukturierte Forschungsfelder übertragen werden.


Fußnoten

1 Vgl. http://www.zefg.fu-berlin.de/publikationen/monografien/index.html.

2 Vgl. http://www.zefg.fu-berlin.de/publikationen/querelles_jahrbuch/index.html; neu: www.querelles.de.

3 Vgl. http://www.querelles-net.de.