Open Access To Gender Research

Projekte zu Open Access in der Geschlechterforschung

Sichtbarkeit als Herausforderung. Publikationsförderung in der Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin – ein Modell im Wandel

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Der folgende Text von Anita Runge ist erstmals erschienen im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief der Zentralen Frauenbeauftragten der Freien Universität Berlin. Vgl. dazu Vorstellung des DFG-Projekts und anderer Aktivitäten im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief (FU Berlin). Der gesamte Rundbrief kann als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Wissenschaftliche Anerkennung ist das Ergebnis eines Kommunikationsprozesses. Erst wenn eine wissenschaftliche Leistung in erkennbarer Weise rezipiert wird und dokumentierbare Resonanz erfährt, entstehen Renommee und Reputation. Zu den frühen Erkenntnissen einer feministischen Wissenschafts- und Institutionenkritik gehörte die Einsicht, dass dieser Prozess weder ‚naturwüchsig‘ abläuft noch gerecht ist: Die Vorstellung, dass Qualität sich schon durchsetze, wurde als Ideologem eines akademischen Betriebes identifiziert, der seine eigenen Exklusionsmechanismen verschleiert. Der Nachweis der Benachteiligung von Frauen, aber auch des Bereichs der Frauen- und Geschlechterforschung insgesamt bei der Vergabe von akademischen Stellen, bei der Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses, beim wissenschaftlichen Austausch im Rahmen von Tagungen, nicht zuletzt auch bei den Publikationsmöglichkeiten, führte zur Einrichtung von Förderprogrammen und einer aus heutiger Perspektive als Erfolgsgeschichte zu bezeichnenden Verbesserung der Partizipationschancen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb und einer Anerkennung der Geschlechterforschung als eigenständiges Forschungsfeld.

Neben Drittmitteln, Auszeichnungen, Preisen gehört das Veröffentlichen in angesehenen Zeitschriften bzw. Buchreihen zu den wichtigsten Voraussetzungen wissenschaftlicher Reputation. Die Selektionsmechanismen im Publikationsbetrieb begünstigen den wissenschaftlichen Mainstream. Für ein neu zu etablierendes Forschungsfeld wie die Geschlechterforschung, aber auch im Hinblick auf die Aufhebung der Benachteiligung von Nachwuchswissenschaftlerinnen wurde es daher bereits Mitte der 1980er Jahre als notwendig erachtet, Fördermaßnahmen für wissenschaftliches Veröffentlichen umzusetzen. Die Freie Universität Berlin hat 1985 als erste Universität im deutschsprachigen Raum ein entsprechendes Programm eingerichtet und ist bis heute die einzige Universität, die dieses Konzept konsequent verfolgt und weiterentwickelt. Eine erste Idee, die Unterstützung des Drucks von Dissertationen aus der Frauen- und Geschlechterforschung durch Zuschüsse, wurde 1985 durch die Gründung der Reihe Ergebnisse der Frauenforschung an der Freien Universität Berlin umgesetzt.1

Die Entwicklung des Programms von dieser Gründung bis zur Ende 2010 erfolgten Bewilligung eines DFG-Projekts zum Thema „Geschlechterforschung und Open Access. Ein Publikationsmodell für ein inter-/transdisziplinäres Feld“ (vgl. dazu auch den Beitrag von Marco Tullney) spiegelt die Transformationen wider, von denen das Feld der Geschlechterforschung, die Konzepte zur Gleichstellung in akademischen Institutionen, aber auch die wissenschaftliche Publikationspraxis insgesamt gekennzeichnet sind.

Zugespitzt lässt sich dieser Wandel als Weg von der Förderung ‚minoritärer‘ Wissenschaft und ihrer Vertreter/innen hin zum selbstbewussten, innovativen Umgang mit den Chancen und Risiken von wissenschaftlicher Marginalität beschreiben.

1985 ging es zunächst darum, überhaupt zu ermöglichen, dass die im Rahmen von Qualifikationsverfahren und wissenschaftlichen Projekten entstandenen Frauen- und Geschlechterforschungsergebnisse in traditionellen Verlagen veröffentlicht werden konnten. Es galt, den Vorurteilen gegenüber der wissenschaftlichen Relevanz entsprechender Studien durch die Etablierung einer streng begutachteten Reihe in einem angesehenen Verlag zu begegnen. Gleichzeitig sollten durch die Vergabe von Druckkostenzuschüssen Wissenschaftlerinnen auch finanziell gefördert werden, die sich in der Regel eben seltener auf gesicherten Stellen, sondern zumeist unter prekären Arbeitsbedingungen qualifizieren mussten. Der Erfolg der Reihe (1985 – 2007: 69 Bände) lässt sich daran ablesen, dass sie in gewisser Weise überflüssig geworden ist: Nahezu alle renommierten Verlage in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben inzwischen Frauen- und Geschlechterforschung/Gender Studies zum Bestandteil ihrer Programmplanung gemacht; einige spezialisieren sich mit Buchreihen oder Zeitschriftenprojekten nachhaltig in diesem Bereich. Publikationsorte und -angebote sind ebenso ausdifferenziert und vielfältig wie das Feld selbst, so dass die Zusammenfassung der Ergebnisse in einer Reihe ebenso obsolet ist wie die Unterstützung des traditionellen Dissertationsdrucks aus öffentlichen Mitteln.

Noch Mitte der 1990er Jahre wurde es als wichtig angesehen, dass auch für die Frauen- und Geschlechterforschung diejenigen Formen wissenschaftlichen Publizierens zur Verfügung stehen, in denen üblicherweise die wissenschaftliche Kommunikation in etablierten (Sub-)Disziplinen stattfindet. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Nutzung konventioneller Formate und Publikationsmodelle zur Aufhebung der nach wie vor bestehenden Rezeptionssperren gegenüber der Geschlechterforschung beitragen könnte. Die Reihe Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität wurde entsprechend 1996 um ein interdisziplinäres Jahrbuch (Querelles)2 und 2000 um eine Rezensionszeitschrift zur Frauen- und Geschlechterforschung (querelles-net) erweitert.3

Mit der Rezensionszeitschrift querelles-net, die von Anfang an ausschließlich elektronisch publiziert wurde und seit einem Relaunch 2009 als Open-Access-Zeitschrift erscheint, wurde die Leitidee der Publikationsförderung an der Freien Universität Berlin erneut modifiziert: Anstelle des Versuchs der Anpassung an die in den Geistes- und Sozialwissenschaften gängigen Formate und Publikationsmodelle ist die Arbeit an eigenständigen, innovativen Veröffentlichungsformen für die Geschlechterforschung getreten. Das Ziel ist, die Publikationspraxis in der Geschlechterforschung nicht nachholend an die momentan rasante Entwicklung des wissenschaftlichen Publizierens anzupassen, sondern diese Entwicklung mitzugestalten. Dabei sollen die speziellen Anforderungen eines Feldes berücksichtigt werden, das durch unterschiedliche Fächerkulturen, inter-bzw. transdisziplinäre Strukturen und gleichzeitig immer noch durch eine spezielle Randständigkeit gekennzeichnet ist. In den neuen Modellen soll insbesondere das kritische Potential dieser Marginalität fruchtbar gemacht werden, das es ermöglicht, Mainstram-Entwicklungen auf ihre Konsequenzen hin zu überprüfen und experimentell Alternativen zu erproben. Die auf dieser Grundlage im Rahmen eines DFG-Projekts entwickelten Publikationsmodelle stellen keine „Insellösungen“ dar, sondern können auf andere ähnlich strukturierte Forschungsfelder übertragen werden.


Fußnoten

1 Vgl. http://www.zefg.fu-berlin.de/publikationen/monografien/index.html.

2 Vgl. http://www.zefg.fu-berlin.de/publikationen/querelles_jahrbuch/index.html; neu: www.querelles.de.

3 Vgl. http://www.querelles-net.de.

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